Start News Die letzte große Schlacht…

Die letzte große Schlacht…

275
0
TEILEN
Purebred Goods
Siegerehrungvon Peter Angerer

Vor einigen Monaten habe ich es in meinem Blog angekündigt: bei den 32. All Japan Shidokan Open wollte ich im Alter von nun 44 Jahren eine letzte große Schlacht schlagen. Ein letztes Gefecht um Ruhm und Ehre im Land der aufgehenden Sonne. Einen Beweis für meinen ungebrochenen Kampfgeist und meine Einstellung zum Shidokan erbringen. Und ich habe es geschafft! Am vergangenen Sonntag erkämpfte ich mir den 3. Platz bei dem wohl härtesten Knockdown Turnier in Japan und schaffte es als einziger Nicht-Asiate in das Halbfinale der All Japan Shidokan Open. Stoppen konnte mich dabei nur der Titelverteidiger Dorjpurev Byambadorj aus der Mongolei, der sich auch in diesem Jahr beeindruckend den Titel holte und erneut als Champion seine Vormachtstellung im Shidokan weltweit unterstrich. Für mich ging mit diesem Erfolg ein Lebenstraum in Erfüllung, der mir persönlich mehr bedeutet, als alle meine Titel und bisherigen Erfolge. Ich konnte in Japan beweisen, dass „Yamatodamashii“ nicht nur ein Name ist, sondern vielmehr Ausdruck meines Seins und meines Lebens. Ich möchte an dieser Stelle meine persönlichen Erfahrungen von diesem Turnier und der verbundenen Reise nach Japan teilen. OSU!

Trainiere im German Top Team

German Top TeamBruno Rico, mein langjähriger Freund und Ehrenpräsident von Shidokan Germany, begleitete mich und meine Schülerin Kristin Handel nach Japan, um bei diesem Event dabei zu sein. Alleine das hat mir schon sehr viel bedeutet und gab mir Kraft, da ohne meinen „Scheffe“ Japan sicherlich nicht das selbe gewesen wäre. Ich fühlte mich einfach gut und es gab mir Kraft, dass Bruno mich auf diesem Weg begleitet hat. Nach einer langen Reise über Dubai kamen wir am Freitag Abend endlich in Tokio an, wo wir von Makoto Seshime am Flughafen Narita abgeholt wurden. Auch mein letzter Gegner aus Japan, Susumu Mashiko, empfing mich herzlich und nachdem wir im Hotel eingecheckt hatten, ging es erst einmal zu einem gemeinsamen Essen in ein Restaurant.

Am Samstag stand dann der letzte Gewichts-Cut auf dem Plan und ich kam unverhofft in den Genuß ein Badehaus der Yakuza zu besuchen, da ich aufgrund meiner „eindeutigen“ Tättowierungen kein öffentliches Badehaus in Japan besuchen darf. Im 120 Grad heißen Backofen habe ich dann die letzten Pfunde abgeschwitzt und wurde letztendlich mit 74,9 kg eingewogen. Damit hatte ich für mich den ersten Sieg schon erzielt, da ich für die All Japan Open nun genau 15 kg Gewicht gemacht hatte. Eine Tortur, die sich aber auszahlen sollte.

Am Sonntag dann der Weg in die Halle, alte und neue Freunde aus der ganzen Welt treffen und mich auf die bevorstehenden Kämpfe vorbereiten. Unsere „Hannya“ und Bruno haben mich perfekt eingestellt und vorbereitet und es war mir eine große Hilfe, dass auch mein Shihan Eddie Yoshimura aus Chicago anwesend war und mich ermutigt und bestärkt hatte. Im ersten Kampf kam ich gegen einen japanischen Kämpfer, der mich direkt zu Beginn der ersten Runde mit einem Frontkick zum Kopf aufweckte und mir klar machte, dass hier mit harten Bandagen gekämpft wird. Ich steckte den Tritt weg und blieb ruhig. Sehr ruhig. Ich kann das Gefühl nicht beschreiben, aber ich wusste einfach, dass das mein Tag ist und ich gewinnen würde. Also lies ich den Japaner erst einmal arbeiten und schaute mir an, mit was er mich schlagen wollen würde. Nach etwa eineinhalb Minuten drehte ich dann langsam auf. Ein harter Lowkick von mir lies in zusammen brechen, kurz darauf schlug ich ihn mit einem Knie zum Kopf nieder. Waza-ari! Jetzt dran bleiben! Auf einmal lief alles wie von selbst und ich konnte den Druck gut aufrecht halten und kam mit meinen Kniestößen gut durch. Nach drei Minuten bekam ich den einstimmigen Sieg zugesprochen. Yes!!! Eine Runde weiter!

EhrungIm zweiten Kampf traf ich auf Aurel Pirter aus Rumänien, ein sehr unbequemer und starker Gegner, der zuvor den Franzosen Romani Bertini ausschalten konnte. Ich ging den Kampf wieder sehr ruhig an und fand irgendwie nicht zu meinem Rythmus. Der Rumäne war wahnsinnig stark und mein Timing stimmte irgendwie nicht. Nach drei harten Minuten wurde der Kampf unentschieden gewertet und es ging in die Verlängerung. Wieder griff Pirter mit einem Double Leg Takedown an, ich sprawlte und holte mir die Guillotine, er hob mich kurz aus und wir standen für einige Sekunden in der Luft, als der Kampfleiter das Trennungskommando rief. Pirter wartete noch kurz als ich schon los lassen wollte, bevor er mich mit voller Wucht nach unten slammte und dabei in mich hineinsprang. Im ersten Moment war ich glaube ich bewusstlos, bekam keine Luft mehr und hatte das Gefühl, als hätte er mir sämtliche Knochen gebrochen. Sofort kamen Kancho Soeno und Shihan Yoshimura auf die Matte und kümmerten sich um mich und ich war wohl für einige Minuten benommen am Boden. Pirter wurde sofort disqualifiziert und mir der Sieg zugesprochen, doch ich wusste in dem Moment noch gar nicht, ob ich überhaupt weiter kämpfen kann. Mein Rücken und mein Brustkorb waren von der Aktion schwer in Mitleidenschaft gezogen und ich brauchte eine gute Weile, bevor ich wieder richtig atmen konnte. Zum heulen blieb mir aber keine Zeit, denn im nächsten Kampf wartete der Champion auf mich.

Gruppenbild mit Kancho SoenoDorjpurev Byambadorj aus der Mongolei war Titelverteidiger und nun mein Gegner im Halbfinale. Kopf klar machen! Kräfte sammeln! Kämpfen! Als einziger Nicht-Asiate im Halbfinale zu stehen war für mich kein Erfolg, sondern eine Herausforderung und Bürde. Alles geben! Nichts zurück lassen! Ich wusste, wie gefährlich der Mongole war und ich wusste, dass ich wenn überhaupt nur eine Chance haben würde: der Bodenkampf. Er begann den Kampf sehr aggressiv und seine Tritte waren unglaublich schnell. Ruhig bleiben, austänzeln und auf die Chance warten. Nach einem Lowkick von ihm, der voll auf meinem Block landete schoß er einen Mittelstufenkick hinterher, den ich fangen konnte. Ich fegte ihn, brachte ihn zu Boden, kämpfte mich aus seiner Guard und holte mir sein Bein. Blitzschnell schaffte ich es einen Heelhook anzubringen und…. er tappte!!!! Ich realisierte es erst gar nicht und dann kam der Gedanke: „Du bist im Finale!“. Doch der Kampfleiter wollte weiter kämpfen lassen!? Kancho Soeno intervenierte und sagte vom Hauptkampfgericht aus, dass der Kampf vorbei wäre und ich Sieger sei, doch der Kampfleiter hatte den Tap nicht gesehen und bestand darauf, weiter kämpfen zu lassen. In meinem Kopf ging alles drunter und drüber. Egal! Nochmal! Der Kampf wurde wieder frei gegeben und ich griff mit einem Drehkick an. Der Mongole wich seitlich aus und schoss mich mit einem perfekten Mawashi Geri auf die Leber ab! Nur Sekunden nach meinem vermeintlichen Sieg ging ich zu Boden und wurde ausgezählt. Bitter!!!

Ich nahm die Niederlage hin. Eine wirklich bittere Erfahrung und zur gleichen Zeit wohl der größte Erfolg meiner Karriere im Shidokan. Kämpfer und Meister aus der ganzen Welt gratulierten mir nach diesem Kampf zu meiner Leistung und alle haben den Tap gesehen. Ich fühlte, dass das Ergebnis gar nicht wichtig war, sondern die Leistung, die von allen in der Halle anerkannt wurde. Ein unbeschreibliches Gefühl machte sich in mir breit und ich wusste, dass ich alles richtig gemacht hatte.

In weniger als 30 Sekunden gewann der Mongole dann auch das Finale und wir haben uns nach der Siegerehrung noch lange unterhalten. Ein guter Mann, der an diesem Tag seine Chance genutzt hatte. Keine schlechten Gefühle, sondern nur Respekt voreinander! Das ist Shidokan!

Yamato DamashiiIn den folgenden Tagen genoss ich mit Dany Meier aus der Schweiz, Bruno und Kristin die verbleibende Zeit in Tokio. Wir besuchten die Tempel in Asakusa, waren viel shoppen, trafen uns mit vielen Freunden, und ich habe gegessen, gegessen und gegessen ;-). Eine Abschiedsparty nach der anderen stand auf dem abendlichen Programm und die Freundschaften zu unseren Gastgebern aus Japan wurden sehr gepflegt. Zwei Dinge sind mir in Japan ganz klar geworden: zum Einen würde ich mit dieser Mannschaft bis ans Ende der Welt reisen und dort gegen den Teufel persönlich kämpfen und zum Anderen ist Kämpfen keine Frage des Alters, sondern nur des Willens, der Einstellung und der Disziplin. Was ich in diesen wenigen Tagen in Japan wieder über das Shidokan lernen durfte und konnte war enorm und ich bin froh und dankbar, dass ich diese Erfahrung gemacht habe. Ich möchte mich an dieser Stelle bei allen bedanken, die mich auf meinem bisherigen Weg begleitet haben. Ein besonderes Dankeschön geht an meine Schüler und Kämpfer vom German Top Team, die mich in der Vorbereitung für Japan vorbildlich unterstützt und motiviert haben. Ohne Euch wäre dieser Erfolg einfach nicht machbar gewesen. Vielen Dank auch an Philipp Rauscher, meinen Ernährungsberater, der mir geholfen hat wieder richtig fit und „in shape“ zu sein. Ich weiß, dass ich immer noch mit den „Jungen“ mithalten kann. Auch auf internationalem Level, auch gegen Champions und auch, wenn eigentlich alles dagegen spricht. Das ist es, was für mich das Kämpfen ausmacht.

United Fightwear